Camille Bertault: Stimme zwischen Virtuosität und Erzählkunst

Samstagabend in Paris – und wieder einmal zeigt sich, warum diese Stadt für viele als Herz des Jazz in Europa gilt. Das 38Riv Jazz Club ist einer dieser Orte, die man nicht vergisst: ein kleiner Gewölbekeller mit gerade einmal rund 40 Plätzen, gedämpftem Licht und einer Atmosphäre, die gleichzeitig warm, konzentriert und fast entrückt wirkt. Hier zählt nichts außer die Musik – und genau das macht diesen Ort so besonders.
An diesem Abend stand Camille Bertault auf der Bühne – eine Künstlerin, die in der zeitgenössischen Jazzszene längst ihren eigenen, unverwechselbaren Platz gefunden hat. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre virtuosen Vocalese-Interpretationen, bei denen sie komplexe Jazz-Soli – etwa von John Coltrane – mit Text versieht und mit beeindruckender Präzision singt.
Ihr musikalischer Werdegang ist geprägt von einer klassischen Ausbildung, die sie später mit Jazz und improvisierter Musik verbunden hat. Genau diese Mischung spürt man in jedem Moment: technische Brillanz trifft auf spielerische Freiheit. Ihre Stimme ist dabei nicht nur Instrument, sondern auch Erzählerin – mal leicht und verspielt, dann wieder tief, fast nachdenklich.
Begleitet von herausragenden Musikern entstand ein lebendiger musikalischer Dialog, der weit über ein klassisches Konzert hinausging. Es war kein bloßes „Aufführen“ von Stücken, sondern ein gemeinsames Erforschen von Klang, Rhythmus und Emotion. Jeder Titel hatte seine eigene Geschichte, seine eigene Farbe – und zog das Publikum immer tiefer in diesen besonderen Moment hinein.
Was diesen Abend für mich persönlich noch besonderer gemacht hat, geschah nach dem letzten Ton. Ich kam mit dem Percussionisten Minino Garay ins Gespräch – und daraus entwickelte sich etwas, womit ich an diesem Abend nicht gerechnet hätte. Da ich mich musikalisch besonders im Bereich Rhythmik weiterentwickeln möchte – gerade auch im Umgang mit Shaker in meinen eigenen Jazzstücken – habe ich ihn spontan gefragt, ob er mir Unterricht geben würde. Zu meiner großen Freude hat er zugesagt. Und tatsächlich hatte ich noch in derselben Woche meine erste Rhythmusstunde bei ihm. Eine Erfahrung, die gleichermaßen herausfordernd wie unglaublich bereichernd war. Es ist faszinierend, wie viel Tiefe im Rhythmus steckt – und wie sehr sich das eigene musikalische Empfinden verändert, wenn man beginnt, ihn wirklich bewusst zu erleben.
Minino Garay gehört zu den gefragtesten Percussionisten der internationalen Jazzszene. Der aus Córdoba stammende Musiker lebt in Paris und verbindet in seinem Spiel auf einzigartige Weise verschiedene musikalische Welten. Er hat mit zahlreichen großen Künstler:innen gearbeitet, darunter auch Dee Dee Bridgewater, und ist bekannt für seine enorme stilistische Bandbreite sowie seine musikalische Sensibilität.
Dieser Abend im 38Riv Jazz Club war mehr als nur ein Konzert. Er war ein Erlebnis, das noch lange nachhallt – musikalisch wie persönlich. Zwischen der intensiven Performance von Camille Bertault, der besonderen Atmosphäre dieses kleinen Pariser Jazzkellers und der unerwarteten Begegnung mit Minino Garay ist etwas entstanden, das weit über diesen einen Abend hinausgeht.
Ein Moment, der nicht nur in Erinnerung bleibt – sondern der etwas in Bewegung gesetzt hat.
38Riv, 38n Rue de Rivoli, 75004 Paris